Land der Aare (13): In der Weite

Unbegreifliches am verschwundenen See
Weiter und immer weiter wird das Land der Aare. Auf der 13. Etappe der Aare-Wanderung zeigte sich der Fluss stellenweise so breit wie ein See. Weil damit eine geringe Fliessgeschwindigkeit einherging, wagten sich nicht nur die Stadtberner Marzili-Profis ins Wasser. Daneben gab es an diesem 28. Juni 2015 kuriose Bauvorhaben zu entdecken.
Beim Wandern erlebt man gelegentlich Unbegreifliches. Was trieben etwa die beiden Reiterinnen, die mit ihren Pferden bei Altreu in Ufernähe durch das Wasser trabten? Hatten sie den Uferweg verfehlt? Oder litten ihre Tiere unter erhitzten Hufen? Das gespenstisch-malerische Ensemble bot jedenfalls einen schönen Anblick.
Den Wandermotiven auf der Spur
Unbegreiflich ist manchmal auch das Wandern selbst. Die Frage, warum man nicht wandert, wurde hier bereits ausführlich erörtert. Warum aber wandert man? Für Fränzi war der Fall klar: Sie sei «essensdefiniert», erklärte sie unumwunden (und erntete für diese Offenheit anerkennende Sympathisantenblicke von Urs). Mit dem Philosophen Pascal formuliert: Ich wandere, also esse ich. Oder umgekehrt, es spielt ja keine grosse Rolle.

Stefan hatte diesmal seinen Sohn Finn mitgenommen. Dem Halbwüchsigen war der Mitleidsbonus angesichts der erdrückenden Mehrheit von Erwachsenen sicher. Alle bezweifelten insgeheim, ob er wirklich so freiwillig mitbekommen war, wie sein Vater drauflosbehauptete. Doch Finn hatte einen ungemein leistungsfähigen Motivationsturbo gezündet: Er schwimmt gern, und weil die Aare an diesem Morgen in Bern noch saukalt, unterhalb des Bielersees aber bereits angenehm warm war, hatte er sich der Aaronauten-Expedition angeschlossen.
100 km lang – ein Monstersee
Erneut gab’s eine Schifffahrt, diesmal gleich zum Auftakt: Wir fuhren von Solothurn nach Altreu, wo uns die Störche mit Schnabelklappern empfingen. Danach wanderten wir zurück nach Solothurn, was vielleicht ein bisschen doof klingt, aber spannend war, weil man das Wasser auf dem Uferweg ziemlich anders wahrnimmt als vom Schiff aus. Vom Inseli etwa merkten wir beim Wandern kaum etwas – die Aareinsel hätte genauso gut gegenüberliegendes Ufer sein können. Dafür trat die mächtige Weite des Flusses umso deutlicher in Erscheinung.

Eine halb von Gebüsch überwucherte Tafel verriet uns, dass an dieser Stelle tatsächlich einst ein See gelegen war, und zwar nicht nur hier: Der Solothurnersee, der am Ende der letzten Eiszeit entstanden war, reichte einst 100 km weit nach Südwesten bis ins waadtländische La Sarraz. Bieler-, Murten- und auch der doch recht stattliche Neuenburgersee sind eigentlich bloss die kümmerlichen Überreste des einstigen Monstertümpels.
In der weiten Schlaufe unterhalb des Inselis wirkt die Aare noch heute kaum wie ein Fluss. Sie ist enorm breit und hat kaum Zug, sondern fliesst, wie die Schilfbestände am Ufer bestätigen, mit eleganter Trägheit dahin.
Clochards unter der Brücke
Kurz vor Solothurn gab es für Finn und Stefan kein Halten mehr: Schon länger hatte es sie in den Schwimmhäuten gejuckt, jetzt stürzten sie sich ins Wasser – an einem bemerkenswert unidyllischen Uferabschnitt in der trostlos kahlen Landschaft unter einer Strassenbrücke. Cornelia wurde in ihrer Funktion als «Maîtresse de Sandwich» vorübergehend entmachtet, indem auf den angrenzenden Sitzbänken sogleich das Gefuttere losging, vorzeitig und planlos.

Bei der Durchquerung der Solothurner Innenstadt – die Badehosen der Marzili-Jünger waren noch nicht trocken – liess Stefan seinen Blick ungläubig über Treppen und Stege schweifen. Sie wären zum Einstieg in den Fluss ideal geeignet, waren aber menschenleer. Die Solothurner wüssten mit der Aare offensichtlich nichts anzufangen, wurde gemutmasst. Der Verdacht erhärtete sich wenig später bei der Emme-Mündung: Auch dort badete kein Mensch.
Infotafel-Gefasel
Noch ein Stück weiter unten passierten wir das Areal der einstigen Zellulosefabrik Attisholz. Eine Tafel am Rand der gigantischen Industriebrache schwadronierte von «attraktivem Wohnraum» und einem «lebendigen Quartier», die hier draussen im Niemandsland «in den nächsten Jahrzehnten» (also vermutlich unmittelbar im Anschluss an die Sanierung der griechischen Staatsfinanzen) entstehen sollen. Das grössenwahnsinnige Gefasel ging auf einer sich anschliessenden kilometerlangen Baupiste gleich weiter. Die neue Werkzufahrt zum nahen Kieswerk wird als «attraktiver Erholungsraum» verkauft, von dem angeblich nicht die Baulöwen, sondern Pflanzen, Tiere und Wanderer profitieren.

Bei Flumenthal, kurz bevor wir wieder den Kanton Bern erreichten, zeigten die Solothurner dann doch ein gewisses Beachlife: Wo die Siggern in die Aare mündet, war ein Delta von Steinblöcken entstanden, das die Flussströmung auf kuriose Weise umlenkt: Am Ufer fliesst das Wasser mit sanftem Zug aufwärts, in der Mitte etwas entschiedener talwärts, so dass man sich wie in einem Karussell treiben lassen kann. Die Stadtberner Schwimmfreaks liessen sogleich wieder Rucksäcke und Wanderschuhe fallen, Fränzi tat es ihnen gleich, und so stieg dann auch der gegenüber dem Flussbaden skeptisch eingestellte Berichterstatter zum ersten Mal in seinem Leben in die Aare.
Wirksamer Kampf gegen die Stille
Das Schwimmvergnügen war, man darf es festhalten, beträchtlich. Eher unbegreiflich waren allerdings die Sound-Booster, die von drei verschiedenen Besuchergruppen an unterschiedlichen Standorten am Strand aufgestellt worden waren und die Aare mit seltsam deplatzierten Klängen beschallten. Vielleicht wissen sie auch in Flumenthal-Beach nicht so recht, was sie mit dem Fluss anfangen sollen, und die stille Atmosphäre, die er verbreitet, erfüllt sie mit Furcht.

Noch etwas zwiespältiger wurde es jenseits der Kantonsgrenze, als wir wieder im Bernerland wanderten. Dort sind einige ansehnliche Renaturierungen vorgenommen worden, so dass die Aare jetzt von hübschen Wasserläufen und Teichen gesäumt wird. Auch machten sich im dichten, prachtvoll gewachsenen Wald unzählige Vögel mit kraftvollem Gezwitscher bemerkbar. Doch in das bunte Pfeifkonzert mischte sich ein anderer, dumpfer Klang: Vom südlichen Ufer der Aare drang anhaltendes Rauschen von Motoren und Reifen herüber. Dort fliesst ein anderer Strom – das ewige Sausen der Autos auf der A1.

Dem motorisierten Verkehr untergeordnet
Ein paar Gehminuten weiter östlich überquert die Autobahn die Aare. Es ist anzunehmen, dass die Autofahrer davon nichts merken. Umso deftiger ist der Eindruck, den diese Überführung bei Wandernden hinterlässt. Mit gnadenloser Härte wurden mächtige Betonsäulen mitten in die reizvolle Flusslandschaft gerammt. Der Anblick könnte für die Aaronauten ein Vorgeschmack auf das sein, was sie während der übernächsten Etappe im Raum Olten erwartet, wo nicht nur der Autoverkehr, sondern auch die Eisenbahn dem Fluss Raum abspenstig macht.
Dabei könnte ja Brückenbau durchaus auch deutlich menschen- und naturgemässere Ausdrucksformen annehmen. Das wusste man schon im ausgehenden Mittelalter, als man in Wangen a.A. die schöne Holzbrücke konstruierte, über die wir nun unser Tagesziel erreichten.
Routenbeschreibung: Altreu – Wangen a.A.
