Land der Aare (12): An der Wasserstrasse

Mittendrin und doch am Rande
Die zwölfte Etappe der Aare-Wanderung vom 31. Mai 2015 brachte die erste Grenzüberschreitung: Bis anhin war die Aare ein rein bernisches Projekt gewesen, doch jetzt betraten die Aaronauten erstmals Solothurner Boden. Zuvor hatten sie kalte Würste gegessen und die Peripherie genossen.
Das Dutzend ist voll: Zum zwölften Mal in Serie wurden die Aaronauten auf ihrer Expedition mit reichlich Sonnenschein bedacht. Bereits kursieren Gerüchte, wonach Cornelia, die bisher bei jeder Etappe dabei war, als heimliche Wetterfee wirke. Man wird sehen – wenn wir zur übernächsten Etappe aufbrechen, wird sie im Flugzeug nach Südamerika sitzen.
Expedition in die Vergangenheit
Erneut stand ein Kanal auf dem Programm. Im Unterschied zur sterbenslangweilig korrigierten Hasli-Aare und zur nicht minder öden Hagneck-Rinne ist der Nidau-Büren-Kanal jedoch mit viel Ufergehölz ausgestattet. Zudem verläuft er nicht pfeilgerade, sondern beschreibt sanfte Kurven und wirkt darum wohltuend abwechslungsreich. Nach der Safnerenbrücke wurde es allerdings trotzdem etwas langweilig, weil die Strecke asphaltiert ist.

Umso willkommener war uns der kleine Abstecher zum nahen Beobachtungsturm im Häftli. Er funktioniert quasi als Zeitmaschine: Wenn man hinunterschaut, dann sieht man das Land der Aare vor der Gewässerkorrektion. Ein bunter Flickenteppich von Wasserflächen, Auenwald, Riedgräsern und Schilfgürteln erfreut das Auge. Für die Menschen früherer Zeiten war die Zier allerdings eine immense Last. Der Fluss mäanderte wild und uferlos durch die Gegend, kannte weder Grenzen noch Anstand, liess kilometerweit wertvolles Kulturland versumpfen und hielt Mensch und Tier ständig in Atem.
Stefan wies darauf hin, dass es damals niemandem in den Sinn gekommen wäre, der Aare entlang zu wandern, denn das Terrain war völlig unwegsam. Wenn die Berner zu ihren Untertanen im Aargau ausrücken wollten, dann mussten sie Landstrassen an erhöhter Lage benützen (via Burgdorf und Huttwil). Eine Route entlang der Aare existierte weder in den Köpfen noch im Gelände.

Nachdem wir auf der absonderlich engen Wendeltreppe des Beobachtungsturms wieder hinuntergestiegen waren, wurden wir kurz, aber heftig in alte Zeiten katapultiert. Schwärme von gefrässigen Mücken umschwirrten uns und stachen wild drauflos (vielleicht bissen sie sogar, jedenfalls fühlte es sich an, als ob sie einem kleine Stücke aus dem Fleisch rissen). So war es früher, es gab weder Burnouts noch Cybermobbing, dafür starb man in jungen Jahren an Typhus und Sumpffieber.
Heute ist das Leben komplizierter und einfacher zugleich. Jetzt zieht der mit mächtigen Steinblöcken massiv ausgebaute Kanal eine saubere Trennlinie zwischen Wasser und Land. Das hat den Vorteil, dass er auch als Transportweg genutzt werden kann. Man sollte sich allerdings keinen Illusionen hingeben. Die Aare hatte (und hat) nie die gleiche Bedeutung als Wasserweg wie andere europäische Flüsse. Talwärts liess sie sich früher zwar ohne weiteres befahren, aber flussaufwärts funktionierte das auf etlichen Strecken nicht – im sumpfigen Terrain konnten keine Treidelpfade angelegt werden, auf denen Tiere die Kähne hätten ziehen können.
Kaum Chancen für Wasserwege
Als endlich im Zuge der Juragewässerkorrektion eine echt schiffbare Verbindung entstand, war es schon zu spät: Eisenbahnen und Chausseen konkurrenzierten den Wasserweg brutal, und an der Wende zum 20. Jahrhundert machten ihm die neu gebauten Flusskraftwerke endgültig den Garaus. Wenigstens gibt es zwischen Biel und Solothurn keine Kraftwerksanlagen (und bloss eine einzige Schleuse). Doch auch diese Wasserstrasse wird heute einzig noch touristisch genutzt. Immerhin stellt sie damit aber die (fast) einzige Flussschifffahrtslinie der Schweiz dar. (Jaja, ich weiss, es gibt in der Nordostschweiz noch ein anderes Flüsschen, das mit Ausflugsschiffen befahren wird, aber dessen Name braucht wegen seiner Bedeutungsarmut an dieser Stelle nicht erwähnt zu werden, denn hier geht es um ernsthafte, grosse Dinge – um die Mutter aller Schweizer Flüsse schlechthin!)

Es ist schon mehrmals vorgekommen, dass sich die Aaronauten zuweilen etwas exotisch und peripher vorkamen, obwohl sie mitten durch die Schweiz zogen, und dieses Gefühl stellte sich auch jetzt wieder ein. Anhand der «Wasserstrasse» sei eine Hypothese gewagt. Für unsere Vorfahren war die Vorstellung, die wir mit diesem Begriff verbinden, vermutlich undenkbar. So ein bisschen mit dem Boot auf der Aare herumfahren, okay, aber sie ernsthaft mit Schleppkähnen oder Containerschiffen nutzen? Meine These: Weil die Aare nie so richtig als potenzielle Transport-Ader wahrgenommen wurde, liess man sie schon früh einfach links liegen – und praktiziert das noch heute so. Für Naherholungssuchende ist es ein Glücksfall.
Das Monster auf Distanz gehalten
Die Aare ist halt ein zwiespältiges Ding: Auf der einen Seite ein reissendes Wildwasser, das mit machtvoller Geste die halbe Schweiz entwässert und, wenn ihm der Kamm schwillt, gewaltiges Zerstörungspotenzial zutage legt. Auf der anderen Seite – also sozusagen in Friedenszeiten – ist sie ein wunderschöner Fluss, der von einsamen, naturnahen Erholungslandschaften umgeben ist. Er hat sich immer wieder gehörig Respekt verschafft, die Menschen haben ihm den erforderlichen Raum gewährt – und ihm in geistiger Hinsicht eine gewisse Distanz gezollt. Es hat keinen Zweck, der Aare allzu aufdringlich auf den Leib zu rücken – wenn sie zu voluminöser Hochform aufläuft, dann nimmt sie sich ihren Raum mir nichts, dir nichts.

Ein paar Kilometer unterhalb von Büren schickt sich die Aare an, den Kanton Bern zu verlassen. Man ahnt es schon im Städtchen, denn am Horizont dämmert die vorderste Jurakette. Die Nähe zum Jura erfuhren die Bürener vor 25 Jahren übrigens ziemlich handgreiflich: Jurassische Separatisten fackelten damals die alte Holzbrücke ab. Das historische Bauwerk fiel den politischen Flammen zum Opfer. Der zwei Jahre danach eingeweihte Nachfolger lehnt sich gestalterisch ans Original an und sieht mittlerweile dank Sonneneinwirkung bereits wieder ganz schön alt aus.
Ratlose Chefdiplomatin
Auf den letzten Etappen hatte sich Cornelia eine unangefochtene Autorität als „Maîtresse de Sandwich“ verschaffen können, indem sie jeweils mit beeindruckender Zuverlässigkeit und charmanter Diskretion auf die Uhrzeit hinwies, wenn es gegen Mittag ging. Auf diese Weise war es gelungen, den brodelnden Konflikt zwischen Ständighungrigen und Allzeitmarschierenden subtil auszugleichen. Jetzt aber kam unsere Chefdiplomatin ins Schleudern. Die erstgenannte Fraktion hatte auf der letzten Etappe verfügt, es müssten mittags Würste gebraten werden. Dadurch wurde das ohnehin anspruchsvolle Zeitmanagement von einer nicht zu unterschätzenden örtlichen Komplikation überlagert. Es galt nun, einen Picknickplatz zu finden, der folgende Ansprüche erfüllt: Nah am Wasser, angenehm schattig, aber nicht zugig, fern vom Verkehr, aber zeckenfrei erreichbar, reichlich freie Sitzplätze, eine ansprechende Feuerstelle am besten mit höhenverstellbarem Grillgitter, genug trockenes Holz sowie allenfalls auch ein paar kräftige Haselruten in der Nähe.

Mitten in Büren wies Cornelia mit leicht unsicherer Stimme auf das Dilemma hin: «A-also es wäre jetzt dann im Fall 12 Uhr.» Die Aaronauten schauten einander wortlos an. Allen war die Misere klar: Hier, umgeben von Strassenlärm und dem mundwässernden Tellerscheppern der nahen Gartenrestaurants, konnte man nicht grillieren. Es galt weiterzuschreiten. So wanderten wir durch hoffnungsloses Gelände – vorbei an Blumenbeeten, abschüssigen Uferpartien, verdächtig nach Robidog riechenden Wäldchen und über staubtrockene, sonnendurchglühte Kieswege. Kilometerweit schwitzten wir uns den Uferweg entlang. Allmählich begannen wir uns um Urs, den Hungrigsten in unserem Kreis, Sorgen zu machen. Mit verdächtiger, allerdings wohl nur vorgetäuschter Ruhe pfiff er seltsame Melodien vor sich hin. Die in aller Diskretion befragte Barbara versicherte zwar, nach ihrer Einschätzung sei «es» noch im grünen Bereich, aber niemand mochte dieser Behauptung so recht trauen.
Zu fünft auf der Single-Bank
Nach einer gefühlten Unendlichkeit kamen wir endlich an ein lauschiges Plätzchen. Zwei Bänke, ein Tisch dazwischen. Für den Fall, dass jemand das unübersehbare Angebot übersehen sollte, wies eine Tafel eigens nochmals darauf hin: Bank. Es ergab sich eine kurze Diskussion über das Selbstverwirklichungsstreben des Grafikers, der die Tafel entworfen hatte. Die einladende Geste der stilisierten Figur, die auf der stilisierten Bank sass, schien zu suggerieren, dass sie für Singles in Erwartung eines Datings reserviert war.
Dann schritten wir zur Tat. Oder eigentlich eher nicht. Das rieche nach Arbeit, konstatierte Urs: Holz sammeln, anfeuern, Wind abwehren, herumbasteln, Glut zusammenschieben und vor allem: warten, warten, warten. Die vierköpfige Wurstfraktion beschloss deshalb flugs und unisono, zu Plan B zu greifen und die Cervelats kalt zu verzehren. Zu diesem Geniestreich hätte man eigentlich auch eine Stunde früher greifen können, wollte ich zuerst einwenden, aber mir war es ja letztlich wurscht – meinen Käse brauchte ich sowieso nicht zu erhitzen.

Sehr schön war dann die Strecke bis auf die Höhe von Arch. Die Aare bildet hier etliche Schlaufen, denen der Uferweg zuweilen folgt, die er aber manchmal auch einfach schneidet. Manchenorts ist das Ufer mit Steinblöcken hart verbaut, andernorts aber ist es natürlich ausgestaltet und weist schöne Schilfbestände auf.
Am, im und auf dem Wasser
Unserem Grundsatz, die ganze Aare zu Fuss zu bewandern und uns unterwegs keiner Verkehrsmittel zu bedienen, blieben wir auch diesmal treu – und kamen am Schluss trotzdem gleich zu zwei Schifffahrten. Von Arch setzten wir mit der Fähre ans gegenüberliegende Ufer über. In Altreu guckten wir den Störchen zu, wie sie herumflatterten und in den gigantischen Nestern landeten, die sie auf Dächern und Bäumen installiert hatten. Wir mieden die Gartenwirtschaft, deren Lärm auf irritierende Weise zur wunderbaren Stille kontrastierte, die uns die Aare einmal mehr gewährt hatte. Stattdessen bummelten wir an ein hübsches Sandsträndchen, wo Kinder spielten, Erwachsene sünneleten und Stefan unerschrocken in den 16 Grad kühlen Fluss stieg, während sich die übrigen Aaronauten mit einem Fussbad begnügten.
Zum Abschluss fuhren wir mit dem Schiff die ganze Wanderstrecke zurück nach Brügg, genossen die Uferlandschaft nun gleichsam von innen und kamen uns wahnsinnig toll vor, denn der Kahn benötigte fast anderthalb Stunden für die Strecke, die wir in schlappen 4 Stunden geschafft hatten.

Routenbeschreibung: Wanderung Brügg – Altreu