Land der Aare (14): Das Ende von Bern

Bizarres im Oberaargau
Jetzt aber endgültig: Zum Abschluss der 14. Etappe liessen die Aare-Wanderer den Kanton Bern definitiv hinter sich. Die Wanderung von Wangen nach Murgenthal am 26. Juli 2015 führte durch prachtvolle Uferlandschaften. Die Aaronauten wurden auch diesmal von der Sonne begleitet. Unterwegs entdeckten sie einige köstlich bizarre Dinge.
Wangen wäre ein ziemlich ansehnliches Städtchen. Da wir es jedoch am Ende der letzten Etappe bereits mit offenen Augen durchquert hatten, liessen wir es diesmal links liegen und zogen direkt an die Aare. Aber oha, wenige Minuten nach dem Bahnhof entzog ein beklemmender Anblick unsere Aufmerksamkeit dem Fluss. Hinter hohem Gitterzaun lag eine ganze Ruinenlandschaft: Brandgeschwärzte und fensterlose Hauswände, zertrümmerte Hütten, wild durcheinandergeworfene Betonplatten, eine uralte, komplett versprayte Eisenbahnkomposition, all dies verbunden durch fein säuberlich beschriftete Strässchen. Beim gespenstischen Areal handelt es sich um ein sogenanntes «Übungsdorf» der Armee, das zum Trainieren von Katastropheneinsätzen genutzt wird.
Fromm angebaggert
Nicht minder schräg war die Dame, die uns bei Walliswil mit bizarrer Herzlichkeit Abziehbildchen aufdrängte. Als Barbara sah, worum es ging, wollte sie den Sticker returnieren, aber die Missionarin weigerte sich standhaft, ihn zurückzunehmen. Die Früchte ihrer (offenbar ziemlich erfolglosen) Beharrlichkeit sahen wir während den folgenden Kilometern auf allerlei Sitzbänken liegen.

Erstmals seit dem Start auf der Grimsel war diesmal Cornelia nicht mit von der Partie. Physisch jedenfalls. Obwohl sie auf dem Weg nach Südamerika war, schien sie irgendwie doch nicht ganz von der Aare lassen zu können: Während der Zwischenlandung in Paris informierte sie uns per SMS, es dauere nur noch etwas mehr als eine Stunde bis Mittag.
Brathähnchen-Korruption
Unsere alt Maîtresse de Sandwich hatte sich sichtlich schwer getan, ihren Posten als neutrale Mahlzeiten-Taktgeberin der Aaronauten preiszugeben. Jedenfalls war sie so weit gegangen, ihre Position in einem erstaunlichen Anflug von Amtsanmassung direkt an Monika weiterzugeben, die sich wiederum sogleich für gewählt erklärte. Alle Proteste gegen solch dynastischen Unfug nach nordkoreanischem Muster nützten nichts, weil Erbin Monika sich sogleich mit Urs verbündete, indem sie ihn – zack! – noch beim Bahnhofkiosk in Wangen mit einem Poulet bestach. Selbiges war zwar ein winziges Plastikteil aus der Migros-Spielwarenabteilung, doch die Instinkte waren geweckt.

Das Ergebnis? Ein erlesenes Chaos! Als die Mitteilung aus Paris einging, sassen wir bereits bei der ersten Pause. Man kann sich ausmalen, wie die Verluderung weitergegangen wäre: Nach der Pause 10 min marschieren, dann Brennholz sammeln, dann nochmals ein bisschen marschieren, dann Ausschau nach dem perfekten Brätliplatz halten, dann umständlich-unbeholfenes Hantieren mit gefährlichen Dingen (Feuer, Messer) etc. pp.
Picknick in Zeiten der Dürre
Barbara und ich begannen innerlich zu kreischen, denn uns wurde bewusst, dass wir so vor Einbruch der Dämmerung niemals nach Aarwangen, geschweige denn nach Murgenthal gelangen würden. Doch da eilte uns der Regierungsstatthalter zu Hilfe. Wegen der Trockenheit und der damit verbundenen Waldbrandgefahr annoncierte er auf improvisierten Plakaten ein allgemeines Feuer- und Feuerwerksverbot. Im Mai hatten wir bereits ähnliche Affichen gesehen, nur hatten sie damals vor Hochwasser gewarnt. Jetzt ging es ums Gegenteil. Die Dürre zeigte sich überall in braunem Gras und staubtrockenen Stoppelfeldern. Also denn, keine Grillade heute! Einige von uns begannen sich diskret zu entspannen.

Doch dann kreuzte dieser seltsame Beerenzüchter unseren Weg, verlegte einen Feuerwehrschlauch und warf einen ratternden Motor an, um Aarewasser zu den dürstenden Stauden zu pumpen. Der Typ hantierte mit einem Benzinkanister herum, während in seinem Mundwinkel eine brennende Zigarette hing. Gespenstisch! Vor unserem geistigen Auge entwickelten sich lodernde Szenarien, an denen der Regierungsstatthalter wenig Freude hätte.
Fluss mit vielen Gesichtern
Was die Landschaft betrifft, vermochte auch diese Etappe zu entzücken. Es gab Abschnitte, auf denen sich die Aare als breite Fürstin zu erkennen gab, während sie sich im nächsten Augenblick schon wieder als lauschiges Flüsslein zeigte, das gegenüber der dichten Ufervegetation bescheiden in den Hintergrund trat.

Der Wanderweg war diesmal noch vielfältiger als auch schon: Zuweilen handelte es sich um einen schmalen Pfad, dann wieder um ein breites Kiessträsschen. Im Unterschied zu den beiden letzten Etappen gab es diesmal einige kurze Auf- und Abstiege zu bewältigen. Das steigerte das Abwechslungspotenzial zusätzlich. Besonders schön war der Tiefblick auf die Vogelraupfi, und irgendwie passte es zur zeitlosen Schönheit dieser Landschaft, dass gerade in dem Moment, als wir das Naturschutzgebiet durchquerten, ein Zeppelin darüber hinwegschwebte.
Monsterschnecke an der Leine
Die Fauna war einmal mehr liebreizend und wohlgestaltet, bis auf einen Sonderfall. Im Wasser tummelten sich allerlei Fische, darüber hinweg zogen Enten (sowohl Originale als auch diverse exotische Nachahmerprodukte). Der Hund bei Bannwil hingegen war eine Ausnahmeerscheinung. Er war ungefähr so gross wie eine Kuh und hatte ein Fell, dessen Design irgendwie entgleist war. Jedenfalls erinnerten die braunen und grauen Streifen frappant an den Schnegel, der bei Innertkirchen über den Weg geschleimt war. Caroline schüttelte es ob dieser Parallele.

Die Aare hatten wir auf unserer Tour bisher fast durchwegs als sanfte und wohlwollende Instanz wahrgenommen. Doch nicht immer ist mit ihr zu spassen. Im Wynauer Rank, einer scharfen Rechtskurve des Flusses oberhalb von Wynau, stand eine Warntafel am Ufer. «Gefährliche Strömung» verhiess sie. Gleich dahinter zogen weisse Schaumkrönchen flussaufwärts; etwas weiter draussen drehte sich das Wasser um sich selbst und bildete hübsche, aber in ihrer Dynamik unheimliche Wirbel; in der Flussmitte strömte der Fluss schnell und geräuschvoll dahin. Es hätte keiner Warnung bedurft, um uns an dieser Stelle klarzumachen: Finger weg!
Muschelsuche am Sandstrand
Etwas weiter unten aber zog die Aare wieder einladend und friedlich dahin wie eh und je. An manchen Orten hatten sich am Ufer kurze, aber verlockende Sandstrände gebildet. Wasser und Luft wiesen mittlerweile exakt die gleiche Temperatur auf, nämlich 23 Grad, also galt für Caroline und den Berichterstatter: Nichts wie rein! Der Flussboden war herrlich weich vom Sand, und wenn man genau hinschaute, entdeckte man leere Muschelschalen. Wäre der Horizont noch ein bisschen weiter gewesen, dann hätten wir uns vollends wie am Meer gefühlt.

Wenig später überschritten wir auf einem Brücklein den Murgbach. Damit verliessen wir den Kanton Bern endgültig. Ab jetzt (und damit auf den verbleibenden voraussichtlich fünf Etappen) ist die Aare ein rein solothurnisch-aargauisches Projekt.
Routenbeschreibung Wangen a.A. – Murgenthal
