Neue Natur an der Alten Aare

Als die Aaronauten am 18. März 2018 aus dem Zug stiegen, setzten sie ihren Fuss in ein meteorologisches Niemandsland zwischen Winter und Frühling. Bise und Hochnebelzotten streiften durch die Landschaft, doch wenn man genau hinsah, war am Boden bereits erstes Spriessen und Kreuchen zu entdecken. Unentschlossen wie die Temperaturkurve war auch die Einstellung hinsichtlich Kopfbedeckungen: Das Grüppchen teilte sich hälftig in die Sekte der Kappenträger und die Fraktion der Barhäuptigen.
Die Expedition führte direkt ins Herz des Aare-Lands. Zwischen Büren und Aarberg fliesst tatsächlich ein Gewässer namens Aare, doch es ist nur noch ein kümmerlicher Rest dessen, was einst tatsächlich Aare war. Bis Mitte des 19. Jahrhunderts herrschte dort ein Strom, der bis zu 500 Meter breit war, immer wieder in alle möglichen und unmöglichen Richtungen ausbrach, die Böden versumpfte und die Menschen verarmen liess. Überqueren konnte man die Bestie nur mittels Fähren. Einzig in Aarberg gab es eine Brücke. Das Städtchen stand auf einer vom Fluss umspülten Insel und profitierte dank seiner geografischen Sonderstellung von reichlich sprudelnden Zöllen.

Dann wurde die Aare «korrigiert»: Man legte den Fluss tiefer, leitete ihn in den Bielersee um und funktionierte den bisherigen Lauf zu einem gemütlichen Bächlein um. Das Korrigieren begann 1868, wurde in den 1930er- und 1960er-Jahren fortgesetzt, ist aber vermutlich nie zu Ende. Jedenfalls erreichten wir, nachdem wir die trostlos lange, pfeifengerade Betonpiste von Büren bis zur Alten Aare hinter uns gebracht hatten, ein frisch repariertes Naturschutzgebiet. Die Widersinnigkeit des Begriffs «Renaturierung» (d.h. «Hervorbringung von Natur mittels Baggern») offenbarte sich uns überdeutlich anhand frisch zuwachsender Wunden. An etlichen Stellen sah es bereits hübsch aus, andernorts präsentierte die Erdoberfläche allerdings noch den Charme eines Truppenübungsplatzes.
Die Renaturisten hatten für das Wandervolk eine nette Überraschung vorbereitet: Der Wanderweg durchquerte den Wasserlauf auf einer Furt, die sich möglicherweise gesenkt hatte oder aber absichtlich tief gebaut worden war. Unter dem Wasserspiegel entdeckten wir auf dem flachen Grund einen tückischen Damm aus wackligen Steinen und glitschigen Ästen, den jemand behelfsmässig ausgelegt hatte. Es gab zwei Möglichkeiten: Entweder stolperte man über den unsicheren Steg und riskierte, kopfüber ins Wasser zu fallen. Oder man rannte mir nichts, dir nichts quer durch das knöcheltiefe Wasser, auf den lieben Gott und auf Goretex vertrauend.

Erneut spaltete sich die Aaronautengruppe in zwei Schulen. Die eine Hälfte zog es forsch quer durch die Riesenpfütze, die übrigen hatten keine Goretex-Schuhe. Urs ging furchtlos voran. Wie ein Frosch unter Dopingeinfluss hopste er durchs Wasser auf die andere Seite hinüber. Es ging so rasend schnell, dass ich mit dem Zücken der Kamera hoffnungslos zu spät kam. Evi war dadurch allerdings vorgewarnt, so dass ich ihr versprechen musste, sie beim Hinüberhüpfen nicht zu fotografieren.
Mein Plan war, sie stattdessen zu filmen – doch leider durchschaute sie dies, so dass ich widerwillig die Kamera verräumen und gute Miene aufsetzen musste, obwohl mir gleich ein weiteres kurioses Sujet entgehen würde. Gleichwohl schien Evi mir nicht zu trauen, sondern aktivierte ebenfalls ihre verborgene Känguruh-Natur und legte eine unglaubliche Sprungdynamik an den Tag. Das trug ihr dann allerdings ziemlich nasse Hosen ein. Jedenfalls gestand sie danach, es wäre im Moment ganz praktisch, Fieber zu haben, wo sie doch jetzt mit Wadenwickeln durch den Wald marschiere.

Zu guter Letzt setzte Barbara über, und ihr gelang es, in Würde und Anstand hinüberzuschreiten (ich vermute, sie trug sogar Socken aus Goretex). Dann kamen wir Übrigen an die Reihe. Stefan, Cornelia und ich fanden, es wäre recht angenehm, trockenen Fusses in Aarberg einzutreffen, also zogen wir Schuhe und Socken aus und wateten hinüber. Das Wassertreten passte zum Herbstwetter wie die Faust aufs Auge.
200 Meter flussaufwärts begegnete das wiedervereinigte Expeditionskorps zwei Spaziergängern, die den Wasserlauf in geradezu obszön lockerer Weise auf einer Kiesbank überquerten. Die beiden waren ortskundig und fielen deshalb auf Scherze wie den Wegweiser, der zur unpassierbaren Furt zeigte, schon längst mehr herein.

Im Schwadernau-Grien liessen wir uns erneut täuschen. Oder genauer gesagt: liess Urs sich täuschen, und wir anderen folgten ihm wie die Lemminge. Da stand nämlich eine Sitzbank mit schönem Blick aufs Wasser (und, wie sich innert Minuten zeigen sollte, ohne jeglichen Schutz vor der Bise). Wir hielten Mittagsrast, die zunächst recht enthusiastisch eingeleitet wurde. Die Euphorie begann allerdings aufgrund des frostigen Winds rasch zu schrumpfen und implodierte schliesslich in einem zügigen Aufbruch.
Wir wanderten weiter durch die novemberliche Frühlingskälte. Die Natur wirkte zwar oberflächlich besehen noch etwas kraftlos, doch es gab gleichwohl viele entzückende Dinge zu entdecken: knallgrün leuchtendes Moos, saftigen Bärlauch, einen Eisvogel, einen ultrawinzigen Lurch (er sah aus wie ein Drache, mass aber bloss drei Zentimeter).

Der Weg führte uns an Fluren mit kuriosen Namen vorüber: Algier, Sibirien, Erlebniswelt Seeteufel. Hoch oben an einer Betonwand der Abwasserreinigungsanlage hing ein Schwimmring. Wir malten uns schaudernd Einsatzzwecke aus. Urs lenkte die Fantasien mit ruhiger Hand zurück auf den Boden der Realität, indem er sich als Freizeit-Klärwart outete und uns das Klär-Prozedere in allen Einzelheiten auseinanderzusetzen begann.
Unter solcherlei Gesprächen näherten wir uns allmählich Aarberg. Kurz vor dem Ziel kam uns Barbara auf wundersame Weise beinahe abhanden. Sie hatte das Kunstbedarfsgeschäft Boesner entdeckt, schwärmte von dessen paradiesischer Auswahl an Leinwand, Pinsel, Bilderrahmen und Papier, bekam einen glasig-abwesenden Blick und liess sich nur mit Mühe davon abhalten, an die verschlossene Tür zu trommeln.

Schliesslich erreichten wir den Stadtplatz von Aarberg. Das war einst eine grosszügig weite Fläche, die von hübschen mittelalterlichen Häusern umgeben war. Die alten Häuser und die Weite sind noch immer da, doch sie dienen jetzt hauptsächlich als Staffage. Das Areal dient primär als gigantischer Parkplatz. Garniert ist dieser mit einer kuriosen Mischung: Neben zahlreichen Beizen gibt es dort auch ein Betreibungsamt sowie ein Waffengeschäft.
