Land der Aare (7): Durch Auenwälder

Land der Aare (7): Durch Auenwälder

In der Märchligenau tragen die meisten Waldarbeiter einen Pelz.
In der Märchligenau tragen die meisten Waldarbeiter einen Pelz.

Die Akademie der Bioförster

Auf der siebten Etappe der Aare-Wanderung vom 18. Januar 2015 herrschte Einigkeit: Vandalismus kann ganz schön faszinierend sein. Jedenfalls wenn er von Bibern praktiziert wird. Auch der Verzicht auf die Meringue-Schalen am Ziel hatte gute Gründe.

Die Realisten unter uns wissen es: Der Mensch ist grundsätzlich triebgesteuert. Was soll man also tun, wenn für den Wandertag Schnee und Kälte in Aussicht gestellt werden? Cornelia und Margreth machten es eigentlich vollkommen falsch: Wie ich blieben sie nicht in den warmen Federn liegen, sondern begaben sich nach Uttigen. Aber Ätsch, die Sonne begleitete uns den ganzen Tag, zauberte wunderbares Funkeln auf die sanft gekräuselte Aare, auf die Hügel der Gegend und in unsere Gemüter.

Ein improvisierter Galgen?

Die Idylle nahm vorübergehend ein jähes Ende, als wir einen markanten Baum direkt am Wasser entdeckten. Von einem Ast baumelte ein Seil mit Schlaufe herunter. Sollte dies eine Einladung zu spontanem Erhängen sein, oder diente das Objekt letzten Sommer als waghalsiges Spielgerät? Unser Entdeckungs- und Forschergeist bewegte sich in engen Grenzen – wir hatten keine Lust auf Experimente in die eine noch in die andere Richtung.

Durchblick bis auf den Grund: Im Winter führt die Aare wenig Wasser.
Durchblick bis auf den Grund: Im Winter führt die Aare wenig Wasser.

Dafür stellten sich andere Gedanken ein. War es die Kälte, der nahe Schnee, das frühe Aufstehen? Schon kurz nach dem Abmarsch tauchte da dieses Dessert-Phantom auf, das schon bald zur fixen Idee, ja Besessenheit mutierte: «Zur Belohnung gibt es am Ziel Meringue! Klar?»

Apropos fixe Vorstellungen. In der Ära des Landi-Geists wurde bekanntlich ein möglichst autarkes Funktionieren der Schweiz angestrebt. Damit sich das Land unabhängig ernähren konnte, vergrösserte man die bebaubaren Flächen brachial. Nach Krieg und Anbauschlacht wollte dann zwar keiner mehr vor dem Zürcher Opernhaus Kartoffeln pflanzen. Dafür begann man Bäche und Bächlein einzudohlen, Sümpfe trockenzulegen und Teiche zu entwässern, dass es nur so krachte. Das Resultat war eine meliorierte, also «verbesserte» Landschaft.

Zwischen Uttigen und Jaberg bewegt sich der Fluss in einem engen Korsett.
Zwischen Uttigen und Jaberg bewegt sich der Fluss in einem engen Korsett.

Damit begann sich die Natur zu verändern. Und wie: Zuerst verschwanden die Glühwürmchen, dann viele Schmetterlinge, mittlerweile sind die Vögel an der Reihe. Neben Rückgang gab es auch Zunahme, etwa bei der landschaftlichen Monotonie und bei den Hochwasserschäden. Seit den 1990er Jahren wird daher forciert wieder renaturiert – ironischerweise mit den gleichen Instrumenten, die man vor einem halben Jahrhundert in umgekehrter Richtung einsetzte: Bagger und Lastwagen. Kann das gut gehen?

Der stille und der laute Fluss

Es funktioniert, und sogar ausgezeichnet. Davon kann man sich zwischen Münsingen und Muri überzeugen. Vor noch nicht einmal zehn Jahren wurde damit begonnen, die Hunzigenau zu revitalisieren. Seither hat die Aare dort in der Breite zusätzliche 50 m zur Verfügung. Neue Seitenarme und zwei Inselchen entstanden.

Licht, Weite und überall Wasser: In der Hunzigenau
Licht, Weite und überall Wasser: In der Hunzigenau

Auf diese Weise ist innert kurzer Zeit eine perfekt natürliche Flusslandschaft entstanden. Beeinträchtigt wird das Vergnügen einzig durch einen zweiten Fluss, der nahe an der Idylle vorbeirauscht: Ein steter Strom von Autos donnert über die A6. Immerhin wies uns ein Schild am Wanderweg darauf hin, dass die Autobahnraststätte Münsingen auch Fussgängern offensteht. Der Abstecher erschien uns allerdings abseitig. Feine Meringues waren dort kaum zu erwarten. Und eigentlich kamen wir ja praktisch direkt vom Picknick.

Picknickplatz direkt am Fluss
Picknickplatz direkt am Fluss

Mittagsrast in Arkadien

Zu diesem Zweck hatten wir uns ein schönes Plätzchen auf einem Kiesstrand ausgesucht. Am gegenüberliegenden Ufer sah man anhand einer feinen Linie, auf welcher Höhe der Wasserstand üblicherweise liegt. Wir befanden uns deutlich darunter. Jetzt im Winter führt die Aare wenig Wasser. Das Flussbett ist ohnehin ausgesprochen flach, man sieht von weitem bis auf den Grund. So sassen wir also praktisch auf Augenhöhe mit der Aare. Droben am Belpberg waren die Wiesen mit einem Hauch von Neuschnee überzuckert. Still und ruhig zog der Fluss an uns vorüber, Sonnenreflexe tanzten träge auf den milchig grünen Wellen – wir waren im Paradies.

Durch die Kleinhöchstettenau setzten wir danach unsere Wanderung fort. Auf der Landeskarte sieht diese Auenlandschaft absolut spektakulär aus – ein Gewimmel von Seelein, Wasserarmen und Sümpfen. In der Realität erblickt man davon allerdings eher wenig, weil die vielen Bäume den Blick auf das Wasser verstellen.

Unterwegs in der Biber-Akademie
Unterwegs in der Biber-Akademie

Glücklicherweise haust in der Gegend ein natürlicher Verbündeter aller Wandersleute, die mehr Durchblick wünschen. Da und dort entdeckten wir abgenagte Baumstümpfe, dazwischen auch Stämme, die zur Hälfte durchgefressen oder sogar erst gerade angeknabbert waren. In der Märchligenau sind seit einigen Jahren wieder Biber heimisch. Sie treiben im Wald den reinsten Vandalismus.

Offenbar messen die Nagetiere auch der Nachwuchsförderung viel Gewicht bei. In einem Wäldchen sahen wir jedenfalls eine ganze Reihe zarter Stämmchen und daneben einen deutlich kräftigeren Baum, die allesamt durchgenagt waren – als ob ein Lehrer seine Schulklasse angeleitet hätte. Ein paar Minuten später fanden wir einen noch wesentlich dickeren, gleichfalls entzweigefressenen Stamm (also quasi das Gesellenstück auf Stufe Fachhochschule). Nochmals einige hundert Schritte weiter folgte die Krönung in Form eines armdicken angeknabberten Baums (ein Meisterwerk, das wohl im Rahmen eines Nachdiplomstudiums entstanden war). Mir blieb allerdings schleierhaft, warum meine beiden Wandergspänli beim Anblick der verstreuten Holzschnitzel schon wieder an Meringues dachten.

Der ordentlichste Wasserfall der Schweiz
Der ordentlichste Wasserfall der Schweiz

Noch besser als Meringues

Schliesslich erreichten wir den Märchligenbach. Er stürzt im Wald als hübscher Wasserfall über eine 10 m hohe Felswand. Die Landschaft wirkt extrem aufgeräumt – alles ist voller rechter Winkel. Grund dieser geradezu unnatürlichen Ordnung: Die Sandsteinwand, über die das Wasser fliesst, ist Überbleibsel eines Steinbruchs.

Als wir in Muri ins legendäre «Blaue Bähnli» stiegen, das uns nach Bern brachte, fingen die Meringue-Phantasien bereits wieder an zu lodern, und zwar energisch und entschieden. Doch als ich von den leckeren Berner Apfelküchlein zu berichten begann, schwang die öffentliche Meinung rasch um. Schliesslich waren wir ja nicht Richtung Emmental unterwegs, sondern auf dem Weg in die Bundeshauptstadt. Mit dem Dessert im «Bärenhöfli» fand der siebte Streich der Aare-Wanderung denn auch einen ausgesprochen wohlmundenden Abschluss.