Gebaute Wildnis im Chabisland

Gebaute Wildnis im Chabisland

Gürbe
Eine der unzähligen Schwellen im Bett der Gürbe.

Vom einen Extrem ins andere: Nach dem Grossaufmarsch an der Önz fiel die Wanderbeteiligung diesmal auffallend schmächtig aus. Meine Vermutung: Auch diesmal lag es am Wetter. Oder besser: An der Wetterprognose. Es ging an die Gürbe. Der höflichste Mensch, dem ich an diesem wankelmütigen 9. Juli 2017 begegnete, war Caroline. Sie schickte mir frühmorgens ein SMS, in dem sie mich wissen liess, bei ihr regne es ohne Unterbruch, ihr Schuhwerk sei nicht wasserfest und sie bleibe drum zuhause.

Wie gesagt: Das ist sehr höflich, denn die Spielregeln für die Aare-Reloaded-Wanderungen sehen vor, dass man einfach kommen kann, ohne sich anmelden zu müssen. Ergo ist auch keine Abmeldung erforderlich. Die Höflichkeit ging aber noch einen riesigen Schritt weiter, denn wer entstieg dem Zug aus Bern in Seftigen? Die wasserdichte Cornelia und – Caroline. Nach der Abmeldung hatte sie nicht mehr schlafen mögen und darauf entschieden, nun halt doch in den Zug zu steigen, um in den Wolkenbruch zu fahren. Der Regen machte dann aber schon westlich von Olten schlapp, und im Gürbetal schien vollends die Sonne.

Apfelringli
Doris lieferte einheimische Marschverpflegung.

Abmelden und dann trotzdem kommen ist eigentlich ein eher ungewöhnliches Verhalten. Wir durften diese Anomalie gleich nochmals erleben: Als wir in Wattenwil aus dem Bus stiegen, stand Doris da, die sich höflicherweise ebenfalls abgemeldet hatte, uns aber mit einem Päckli Gürbetaler Apfelringli überraschte, was natürlich gleichfalls als ausgesprochen höflich zu taxieren ist. Im Übrigen blieb sie allerdings konsequent und verzichtete tatsächlich aufs Wandern.

So bummelten wir selbdritt an der Wattenwiler Kirche vorüber langsam in die Höhe. Vor unseren Augen breitete sich eine gemütliche Landschaft mit einer Anmutung aus, die uns irgendwie kanadisch erschien. Oder skandinavisch. Gemütlich war auch das Volksaufkommen. Wir begegneten im Laufe des Tages kaum einer Wanderseele. Überhaupt scheint man sich im Gürbetal noch nicht sonderlich auf Passanten eingestellt zu haben. Jedenfalls kamen wir an einem Häuschen vorbei, vor dem sich ein Typ in Unterhosen an seinem Auto zu schaffen machte.

Gürbetal
Kann eine Landschaft gemütlich sein? Oh ja!

Langsam wurde es steiler, weshalb wir zusehends zu schwitzen begannen. Die Apfelscheibchen mussten her. Kurioserweise handelte es sich dabei gemäss Etikette nicht um getrocknete, sondern um «entfeuchtete» Ringli. Sie waren aber wunderbar säuerlich und stillten den Durst perfekt. Wir genossen den Ausblick zur Ebene, hinüber zu Niesen und Stockhorn sowie in die Hochalpen.

Einst war das Gürbetal das Schweizer Sauerkraut-Hauptproduktionsgebiet, weshalb man es auch Chabisland nannte. Kohlköpfe sahen wir zwar aus der Ferne keine, schon bald sollten wir aber in der Höhe etwas ziemlich Ähnlichem begegnen. Am Ende des Aufstiegs gelangten wir zur Stafelalp. Das alpine Feeling wurde merklich gestört durch etliche Autos, die am Waldrand standen. Eines davon war offen, das Radio lief und schmetterte dröhnend laut Fussballresultate durch die Idylle. Der Fahrer trug eine absurd falsche Haartracht und lauschte hochkonzentriert dem Geplärre.

Alpenpanorama
Gipfelsturm mit Alpenpanorama

Caroline schlug vor, ihn zu fragen, wieso er das Toupet habe, hier so laut den Sportbericht laufen zu lassen, aber wir liessen es bleiben, denn es begann zu regnen, und schliesslich hatten wir Wichtigeres zu tun – die Gürbe wartete auf uns. Das Niederschlagstiming war perfekt: Für die nächste Stunde wanderten wir durch den Wald, so dass uns das Blätterdach vor der Nässe schützte.

Just als wir das Weiermoos und damit die Gürbe erreichten, hörte es wieder auf zu regnen. Die Sonne kam erneut hervor, zunächst zögerlich, dann aber noch viel entschlossener als am Morgen. Cornelia entfaltete eine etwas seltsame Allüre, indem sie den Wunsch äusserte, auf einem Bänkli zu picknicken. Und zwar müsse es, wenn schon, ein rotes sein.

Chabisland
Skandinavien liegt im Chabisland.

Standhaft, ja geradezu versessen (der Begriff scheint mir in diesem Zusammenhang recht gut zu passen) hielt sie nach einer entsprechenden Sitzgelegenheit Ausschau. Caroline und ich machten vorsichtig mit, weil wir nicht einzuschätzen vermochten, wie ernst es ihr mit diesem Anliegen war. Doch nach halbstündiger erfolgloser Suche setzten wir uns subtil durch und pflanzten uns auf ein paar grosse Steine mitten im Bachbett.

Die Gürbe zeigt in ihrem Unterlauf ein eigenartiges Gesicht: Sie ist sowohl wild als auch verbaut (und zwar ziemlich heftig). Mit viel Beton, Steinen und Eisen wird das üppige Gefälle gebrochen, doch zwischen den zahlreichen Schwellen entfaltet das Wildwasser ein kapriziöses und reizvolles Eigenleben. Wir genossen die Stille der Natur, die durch das gleichmässige Rauschen des Bachs nicht etwa beeinträchtigt, sondern entschieden verdeutlicht wurde.

Gürbetal
Grobes Geröll, zarte Wegwarten und ein kantiger Horizont prägen das Flussbett der Gürbe im Talboden.

Kurz bevor wir wieder nach Wattenwil kamen, wurde es extrem urchig. Beim Clublokal der örtlichen Hornusser-Gesellschaft war ein unverständlicher Match im Gang. Mit diskreter Selbstverständlichkeit schoben sich kräftige Männer aneinander vorbei, nahmen an der Startrampe Position ein und pfefferten die winzige Raumkapsel namens Nouss mit einer unglaublich eleganten Drehbewegung Richtung Weltall.

Die Gegner übten sich derweil im sogenannten Abtun, das darin besteht, dass man gigantische iPads in die Höhe schleudert, um das Boai-UFO zu stoppen. Erstaunlicherweise erfolgte der Abschlag ohne jeglichen Knall oder Lärm, und auch die Abtuer (oder wie auch immer sie heissen) brüllten nicht wie löwenmähnige amerikanische Präsidenten herum, sondern verrichteten ihr Gewerbe still und leise.

Hornussen
In Wattenwil schleuderten sie den Nouss.

Meine beiden Begleiterinnen behaupteten vage, sie könnten das schwarze Teil nach dem Abschlag durch die Luft fliegen sehen. Aber nach einer kleinen Recherche im Internet glaube ich, sie machten mir (und sich selbst) etwas vor, denn der Nouss saust mit über 300 Sachen durch die Gegend. Das hat man scheint’s an der ETH gemessen (ich wundere mich ein wenig, womit die sich dort so beschäftigen). Das Ding lässt sich also kaum im Flug ausmachen.

Wir selbst waren mit spürbar geringerer Geschwindigkeit, aber noch immer wackeren Schrittes unterwegs. Wir lachten uns über den klammheimlich gewonnenen Sonnentag ins Fäustchen, und als wir Wattenwil erreichten, waren wir uns einig, dass es noch zu früh sei, um mit dem Wandern schon aufzuhören. Also hängten wir noch ein Stück an, zogen eine Weile der Gürbe entlang weiter und zweigten dann nach Burgistein ab.

Gürbe
Hinter dem waldigen Band versteckt sich die Gürbe.

Routenbeschreibung: Wanderung Wattenwil – Stafelalp – Burgistein